Meine dritte Jugend-Mitarbeiter-Konferenz des Mülheimer Verbands, in der [Josua-Gemeinde Berlin-Spandau]. Bei meiner ersten [2017 in der Hamburger City-Kirche] (FEG) „musste“ ich als Webredakteur und -reporter des Mülheimer Verbands noch dabei sein – und konnte dennoch aus der Beobachter-Position schnell in die Teilnehmer-Rolle eintauchen, weil das Programm für meine eigene Lebenssituation so effektiv war. Ausschlaggebend dafür war das spirituelle Highlight meines persönlichen Pfingst-Erlebnisses, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Nachdem mein von vornherein als Übergangslösung konzipierter Einsatz in der Webredaktion in kompetentere Hände gegeben werden konnte, habe ich das Format von „Ora Et Labora“-Tagen (OEL-Tage oder -Woche) auf den meisten MV-Tagungen anwenden dürfen, d.h. 50% Arbeit/Dienst, 50% Teilnahme/Gebet.
Warum aber diesmal wieder eine Jugendtagung, zu deren Zielgruppe ich nun wirklich nicht gehöre? Weil ich einfach neugierig darauf bin, wie „junge Menschen heute ticken“, denn in meinen beiden berufsbegleitenden Studiengängen (mit 44 und 60 Jahren) habe ich gute Erfahrungen damit gemacht, mit wesentlich Jüngeren in einem Seminar zu sitzen. So kann ich gesellschaftliche Entwicklungen und Trends über die einschlägigen Jugendstudien hinaus auch für den kirchlichen Kontext besser einschätzen. Bei der Mitarbeit in meiner Gemeinde möchte ich schon das Miteinander der Generationen im Blick behalten. Mein Diplom in Gerontologie hat gerade das in einer politischen Gemeinde 1993 untersucht. Als Mentor unserer Jugendleitung möchte ich nicht nur meine eigene Senioren-Perspektive einnehmen. Die Zielperspektive unserer Jugendstufenarbeit kann ich am besten hautnah durch direkte Beziehungspflege wahrnehmen.
Danke der Jugendkommission des MV, dass sie das ermöglicht, Danke meiner Gemeinde-Jugendleitung, dass Ihr mich mitgenommen habt, und Danke besonders den MIA-Teilnehmenden, es toleriert zu haben! Das ist nicht selbstverständlich, und ich möchte es auch in Zukunft nur sehr zurückhaltend machen. Niemand von den Jugendlichen soll sich in irgendeiner Weise dadurch gehemmt fühlen, dass ein Senior in der Kleingruppe sitzt.
Eine MIA-Tagung des MV hat eine klare Struktur: 2 Sessions tgl. für alle, Seminare in Kleingruppen mit Referenten/innen aus dem eigenen „Pool“, Ermutigungs-Areas durch geistliche Begleitung für die Gemeindegruppen oder Einzelne (die in Gebet füreinander münden), 2 Std. Freizeit zum freien Connecten, Chillen oder Sporten, am vorletzten Tag auch ein Leiterstream und für die Nicht-Leiter parallel moderiertes Connecten mit Impulsfragen in Kleingruppen, um geführt nicht nur immer mit den eigenen Leuten zusammen zu sein. Auch das mündet in 2-3er oder 3-er-Gebet in den Gruppen reihum. Da es sich um eine Mitarbeiter-Tagung handelt, beherrschen alle freies Gebet.
Neu im freikirchlichen Kontext: Ein Seminar mit einem Plädoyer für Stille, und das Angebot zum Morgengebet in liturgischer Form, das an den beiden Tagen identisch war. Einen speziellen Gebetsraum als Rückzugsort hatte die Josua-Gemeinde nicht, aber ausreichend Gruppenräume, oder der Freizeitblock bot die Möglichkeit, einen Gebetsgang zu machen.
Die Sessions gingen von 1. Petr. 1, 12 aus (NGÜ):
Ihr habt das Evangelium gehört; es wurde euch von denen verkündet, die dafür mit dem Heiligen Geist ausgerüstet waren, den Gott vom Himmel gesandt hat. Diese Botschaft ist so einzigartig, dass sogar die Engel den tiefen Wunsch haben, mehr darüber zu erfahren.
Darum das Motto „Angels Wonder“ – unter dem ich mir zuerst nicht so recht etwas vorstellen konnte… Also: Was machen wir mit dem Evangelium, über das sich sogar die Engel so wundern, und wir setzen wir es in der Gemeindearbeit um?
Mein Highlight bei den Sessions, soweit ich neben dem Dienstplan teilnehmen konnte, war die 3. mit Michi Zachwey, den ich schon im KI-Seminar kennengelernt hatte. Er leitete seinen Vortrag über unser geistliches Profil als Leitende ein, indem er kurz die Geschichte und Bekehrung von Ignatius von Loyola (!) schilderte und dann Parallelen zu unserer Postmoderne zog. Quintessenz:
- Gottes Wahrheit suchen
in einer Welt voller Lüge, regelmäßig Bibel lesen, beim Bibellesen wächst Gottes Gegenwart in uns, - Aufrichtig leben
in einer Welt voll Unaufrichtigkeit, Rechenschaft ablegen, Dinge ans Licht bringen, - Hingegeben dienen
in einer Ich-bezogenen Welt, mit der Zeit und der Begabung, die wir haben, - Echt werden
in einer zunehmend digitalen Welt, echte Fähigkeiten entwickeln, echte Beziehungen leben, Begabungen einbringen.
Als Leitende: Mutig und liebevoll Momente zulassen, in denen Menschen aus ihrem gewohnten Leben aufbrechen, um neue Horizonte zu entdecken.
Liest sich erstmal cool und distanziert, aber die Schnittmengen zu meiner spirituellen Entwicklung aus der römischen Version der weltweiten Kirche Gottes hin zur Mülheimer Version sind für mich frappierend! (Ich habe Bekehrung, dieses „Unwort“ traditionskirchlicher Pastoral, einen Tag nach meinem Eintritt in den Ruhestand [selbst neu erlebt].)
Zwei Seminare konnte ich mitmachen: „Apologetik” mit Lio, der zwei spontane Rollenspiele aus der Teilnehmerschaft über das Pro & Contra des christlichen Glaubens moderierte, und „Angels wonder über KI“ mit Michi aus dem Leitungsteam von [Master’s Commission Schweiz}. Da ich selber angefangen habe, Chatgpt auch für eigene Eventkonzepte zu nutzen, fand ich Michis Kurzeinführung und seine Kritik ausgesprochen konstruktiv:
- Benutze generative KI nur, wenn du explizit sagen kannst
(a) warum du genau dieses Tool brauchst,
(b) was du damit erreichen willst und
(c) warum dir nur dieses Tool helfen kann, dieses Ziel zu erreichen. - Ersetze nie eine Aktivität, die deine menschliche und geistliche Entwicklung fördert, durch generative KI. D.h. benutze diese Tools nicht, wenn du dabei als Person wachsen, etwas lernen oder deine Grenzen erweitern könntest (z.B. Fähigkeiten, Kreativität, Durchhaltevermögen, Konzentration, Tugend usw.).
- Benutze generative KI-Tools nicht, um dich zu entspannen, dich abzulenken oder dich zu unterhalten. Ersetze Beziehungen und Nähe zu Gott und Menschen nicht durch generative KI-Tools (weder privat noch bei der Arbeit).
- Begrenze deine Nutzung von generativer KI in Raum und Zeit. Zögere den Einsatz dieser Tools so lange wie möglich hinaus und bleib selbst aktiv im Prozess.
- Vertraue keinem generativen KI-Resultat, ohne es zu testen. Benutze diese Tools also nur in Bereichen, in denen du selbst kompetent bist, um die Qualität der Ergebnisse zu beurteilen und einzuschätzen, wo etwas nicht stimmt.
- Ein weiteres grundsätzliches Problem der politischen Ökonomie ist die Frage, welche Firmen mit welchen Zielen für die Gesellschaft unterstütze ich, wenn ich diese Tools brauche. Braucht es hier eine prophetische Stellungnahme?
Pkt. 2 ist der Wichtigste: Geistliche Begleitung (auch Beichte) und psychische Beratung gehört nicht in die KI! Pkt. 5 nehme ich mir besonders zu Herzen, und Pkt. 6 checke ich im Rahmen meines Konsums sowieso (bin bekennender Meta- und Microsoft-Verweigerer, nutze aber einige Google-Tools und habe einen Channel bei Mastodon (https://osna.social/@motetus) – die „prophetische Stellungsnahme” würde mich interessieren: Was ist damit gemeint und wie sähe sie aus? Wie es oft so in Seminaren ist, war am Ende nicht genug Zeit dafür. Michi belegte mit Zahlen, welch immenser Bedarf an Strom und Wasser für eine einzige KI-Frage verpulvert wird. Das Prophetische geht wohl in diese Richtung: Klimaschutz, Bewahrung der Schöpfung. [Die Welt zu verändern] (Tobias Faix, Johannes Reimer) fängt bei mir als Einzelnem an – das ist so, aber ich darf die Kraft des Heiligen Geistes in Anspruch nehmen. Wer glaubt, ist nie allein!
Das war die Seminar-Auswahl (2 waren möglich):
- Theologie und ich (mit Werbung für die FTH Gießen)
- Angels wonder über KI
- Team aufbauen, Mitarbeiter fördern, Gott das Wachstum überlassen
- Christen an die Waffe!?
- Kleingruppe rettet Leben
- Wie bereite ich einen Input vor?
- Q&A Beziehung und Single sein
- Apologetik
- Jugendarbeit mit Jahresrhythmus
- Stille Zeit – Leben mit Gott
- Ess-Störungen – erkennen, verstehen, begleiten
Ich habe wieder gemerkt, dass eine MIA des MV das professionelle, inhaltliche und geistliche Level dessen, was ich in meiner „alten Firma“ als Gemeindereferent im Bistum Osnabrück mitgemacht habe, bei weitem übersteigt! Und immer wurde gebetet, zu Beginn jeder Einheit. Aber auch zwischendurch konnte man immer 2-er oder kleine Gruppen sehen, in denen vernehmlich und oft mit Körperkontakt spontan füreinander gebetet wurde.
Ach, und selbstverständlich starteten die Sessions mit Praise & Worship mit einer aus mehreren Gemeinden zusammengewürfelten Band, das ist für mich mittlerweile total normal… Wobei ich mir grundsätzlich „weniger Thron – mehr Herz!“ wünsche. Ich schaue von der Seite in den Saal mit den gut 200 Teilnehmern aus ganz Deutschland und sehe „den Leib Christi” vor mir (eben nicht nur wie bei der Eucharistie/Abendmahl am Freitagabend), mit Bodenhaftung und mit Freude und Hoffnung in den Gesichtern und der Körpersprache, aber auch nachdenklich, vielleicht mit Trauer und Angst vor der Zukunft. Parallel liefen ja am 31.10. die Schülerdemos in den Städten, und unsere Gebete in den Gruppen haben das durchaus nicht beiseite geschoben. Der Unterschied: Hier waren junge Menschen mit Vision versammelt!
Jetzt bei der Evaluation merke ich, dass diese MIA auch für mich als „Zaungast“ wegweisend war, denn auch ich stehe ja vor einer neuen Altersphase. Kräfte wollen gebündelt und neu ausgerichtet werden. Meine kirchlichen Engagements werden fokussiert auf das Mentoring der Jugendleitung unserer Gemeinde (und auch ich bin selbstverständlich Mentee, und habe ein erfahrenes Gemeindemitglied dafür gewinnen dürfen), und alles andere Engagement betrifft nun meinen Stadtteil und das [Hobby Radfahren] (selbstverständlich mit Muskelbike!). Das kirchliche Leben verabschiedet sich hier mehr und mehr, aber dessen Rolle übernimmt zu großen Teilen der Sportverein, in multikultureller Breite. Mein Sportverein hat Delegierte für die Neuwahl des städt. Seniorenbeirats am 20.11.2026 benannt, für den ich kandidiere. Die Zivilgesellschaft braucht Christen, die eine Hoffnungsperspektive leben und dazu einladen. Der christliche Glaube – und das ist für mich gleichbedeutend mit Gottvertrauen – muss für postmoderne Menschen plausibel sein. Wie lautet noch eines der Ziele der Jugendstufenarbeit in unserer Gemeinde? „Wir wollen, dass junge Menschen in Verantwortung kommen: Früh und vertrauensvoll!“ Und wir Alten? Wir ziehen uns zurück und geben Verantwortung mit 77 eher auf, anstatt noch einmal durchzustarten. Keine Lust mehr auf Politik. Jammern und Klagen, statt pro-aktiv das Beste der Stadt zu suchen (Jer. 29, 7)! Ohne Anpacker kommt Gottes Wille nirgends an. Da kann ich noch so oft „Herr, Herr“ rufen (Mt. 7, 21). „Es“ ändert sich gar nichts, wenn ich/wir nichts tun!
Was nehme ich mit nach Hause?
1. Bei der MIA’26 durfte ich dreimal helfendes Gebet in Anspruch nehmen. Das 1. Mal auf eigenen Wunsch, dann in den moderierten Kleingruppen und in der Gruppe aus meiner eigenen Gemeinde. Zum Schluss des Sonntagsgottesdienstes zusammen mit der Ortsgemeinde habe ich noch um den Segen eines Josua-Gemeindemitglieds gebeten, mit der ich in der Küche (und auch schon [bei der WIRklich’26]) zusammen gearbeitet habe. Bei den Aufgaben, die Gott mir jetzt vor die Füße gelegt hat, bin ich in der richtigen Spur! Es ist noch ein schmaler Trampelpfad, aber ich darf sicher sein, dass Jesus mir voraus ist. Insofern gibt es gar keinen großen Unterschied zwischen Jungen und Alten hinsichtlich unserer Identität, die unserem Leben Qualität und Resilienz verleiht.
2. „Wie macht Ihr das?“ werde ich oft gefragt, wenn traditionskirchliche Gäste unseren Kinder- und Jugendsektor erleben. Weil wir insgesamt eine Gemeinde aus Priestern sind, welche die „Sakramentalität der Kirche“ zu leben suchen und nicht nur top down gelehrt bekommen:
Ihr jedoch seid das von Gott erwählte Volk; ihr seid eine königliche Priesterschaft, eine heilige Nation, ein Volk, das ihm allein gehört und den Auftrag hat, seine großen Taten zu verkünden – die Taten dessen, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. (1. Petr. 2, 9, NGÜ)
Bei der Taufe nach römischem Ritus gibt es die Salbung zum König, Priester und Propheten auf die Stirn, als Fortsetzung des alttestamentlichen Brauchs. Es werden alle gesalbt: Männer, Frauen, Kinder…
3. „Postmodern“ glauben und predigen! Dazu gibt es ein [Buch des früheren MV-Pastors Jonathan Schirmer] (der mir [am Anfang meines Weges in den MV] prophetischen Trost geschenkt hat), und eine [Bachelorarbeit] aus 2024, sowie ein Ausblick von Philipp Bartholomä (FTH Gießen), den [Lothar Krauss in seinem „Leiterblog“] schildert. Wegweiser für unsere nächsten pastoralen Schritte! Mit welcher Sprache können Menschen, die Gott gar nicht vermissen, neugierig werden (wonder!)? Z.B. im Sportverein? Oder im Seniorenbeirat? Oder bei einer von mir geführten Radtour? (Mt 10, 19 allderdings in anderem Kontext. Oder Röm. 8, 26) …
